Begleiter durch die nächsten Revolutionen

Mobility-Engineering für neue Mobilitätskonzepte und Geschäftsmodelle

Mobilität ist im Wandel: Was heute selbstverständlich ist, war vor hundert Jahren noch undenkbar. Und auch in Zukunft stehen der Branche große Veränderungen bevor – etwa durch autonome Fahrzeuge und die mit ihnen verbundene Veränderung etablierter Geschäftsmodelle. IAV beschäftigt sich darum mit neuen Mobilitätsangeboten und nutzt dabei sein umfangreiches Know-how aus der Automobilentwicklung. Obwohl es erst wenige Jahre alt ist, bildet das Carsharing heute ganz selbstverständlich einen Mobilitätsbaustein. Zugleich stellt es das herkömmliche Geschäftsmodell der Automobilhersteller ein wenig infrage: Wenn immer mehr Menschen auf ein eigenes Fahrzeug verzichten, könnten die Stückzahlen zurückgehen. Darum setzt bei den OEMs ein Umdenken ein.

"Viele OEMs wollen und müssen heute mehr tun als nur Autos zu verkaufen“, hat Dr. Alexander Roy beobachtet, der sich als Senior-Fachreferent bei IAV mit dem Thema Mobilität beschäftigt. „Sie wollen sich in Zukunft von reinen Herstellern zu Mobilitätsanbietern wandeln und beispielsweise Carsharing, Mitfahrzentralen oder Chauffeurdienste anbieten.“

Viele dieser neuen Dienstleistungen erfordern eine enge Verzahnung von Fahrzeug und IT-Systemen – ein Thema, mit dem sich IAV seit vielen Jahren intensiv beschäftigt. „Wir ertüchtigen zum Beispiel Fahrzeuge für das Carsharing“, berichtet Hans-Christian Winter, Fachreferent für Mobilität bei IAV. „Wir haben aber auch schon Lösungen für intermodale Mobilität entwickelt, mit denen für eine vorgegebene Route die beste Kombination aus Auto, Zug, ÖPNV und Fahrrad ermittelt werden kann.“ Dank ihrer vielfältigen Erfahrungen sind die IAV-Experten auch bestens auf die nächste Revolution der Mobilität vorbereitet: das autonome Fahrzeug.

Taxis ohne Taxifahrer

Autos, die sich ohne Eingriffe des Fahrers durch den Verkehr bewegen, sind weit mehr als nur eine technische Herausforderung – sie werden in Zukunft ganze Geschäftsmodelle und Branchen massiv verändern. Denn sobald die Technik tatsächlich ganz von selbst fährt, braucht es in den meisten Fällen zum Beispiel keine Taxi- oder Busfahrer mehr. „Heute dominiert noch der menschliche Fahrer das Geschäftsmodell, weil er die meisten Kosten verursacht“, so Roy. „Das autonome Fahren wird zu einem neuen Kostengefüge und damit auch zu einem neuen Mobilitätsgefüge führen.“ Denkbar sind beispielsweise Flotten aus autonomen Fahrzeugen, die automatisch bei ihren Kunden vorfahren und nur von einer Zentrale aus überwacht werden müssen. Die Mobilitätsdienste Taxi, Carsharing, ÖPNV (auf nicht ausgelasteten Strecken) und Lieferservices ständen beispielsweise vor einer Revolution.

Gemeinsam mit anderen Unternehmen will IAV ein solches Szenario im Rahmen eines Förderprojektes untersuchen. Ziel ist der Aufbau und Betrieb einer Flotte aus zunächst hochautomatisierten, also noch fahrerbegleiteten Fahrzeugen, um neue Mobilitätskonzepte der Zukunft bereits heute in der Praxis zu testen. Sie soll sich dynamisch um einen Betriebshof bewegen und die Kunden können per App ein Fahrzeug bestellen. Dabei stellen sich aus Sicht des Betreibers zahlreiche Fragen: Wie hoch ist die Akzeptanz der Nutzer? Wie viele Fahrzeuge werden für eine bestimmte Region mit ihren spezifischen Mobilitätsanforderungen notwendig sein?

IAV will unter anderem mit einer makroskopischen Verkehrssimulation dazu beitragen, hier mehr Klarheit zu schaffen. Sie soll großflächige Gebiete wie Städte oder ganze Regionen umfassen und Verkehrsmittel wie Pkws, Lkws, Züge, Busse oder Fahrräder als Softwareagenten darstellen. Natürlich kann sie auch neue Mobilitätsformen wie das Carsharing – auch mit autonomen Fahrzeugen – modellieren.

Hiermit wird auch die Simulation von Verkehrsflüssen möglich: In einem Hochschulprojekt arbeitet IAV an einer solchen Modellierung – etwa um den aktuell schnellsten Weg durch eine Großstadt zu berechnen. Wer diese Verkehrsströme kennt, kann sie auch optimieren: „Man kann zum Beispiel auf bestimmten Routen individuelle Fahrzeuge durch Busse oder Sammeltaxis ersetzen“, sagt Winter, „oder auch Passagiere optimal auf vorhandene Fahrzeuge verteilen.“

Verkehrszählung per Satellit

Zudem arbeitet IAV auch an der Auswertung satellitengestützter Videos, mit denen sich Verkehrsflüsse günstiger und großräumiger als mit herkömmlichen Methoden wie Induktionsschleifen oder Kameras erfassen lassen. „Wir haben aufgrund unserer Erfahrung in vielen unterschiedlichen Technologiegebieten ein ganzheitliches Verständnis von Mobilität“, resümiert Roy. „Und wir können unser Know-how auch auf neue Felder übertragen: Im Moment untersuchen wir unter anderem für einen Kunden, was sich aus dem Carsharing für das Flottenmanagement von Nutzfahrzeugen lernen lässt.“

Auch die eigenen Mitarbeiter liefern den Experten wertvolle Hinweise: Im Rahmen einer Umfrage unter ihren rund 3.000 Kollegen am Standort Gifhorn haben sie untersucht, mit welchen Verkehrsmitteln die Beschäftigten zu ihrem Arbeitsplatz kommen und welche Handlungsempfehlungen sich daraus ableiten lassen. Und auch der Hermann-Appel-Preis trägt der gewachsenen Bedeutung des Themas Rechnung: Im Fachgebiet „Zukünftige Mobilität“ vergibt IAV jedes Jahr Auszeichnungen an herausragende Arbeiten von Nachwuchs-Ingenieuren. Die Botschaft ist klar: IAV bietet neben dem klassischen Automotive Engineering verstärkt auch Mobility-Engineering an.