Fahren oder gefahren werden?

Das autonome Fahren ist eine disruptive Innovation mit großen Auswirkungen auf verschiedene Branchen

Schon heute ist das autonome Fahren technisch möglich und bald wird es auch Einzug in unseren Alltag halten. Vor allem in städtischen Ballungsräumen eröffnet die Technik neue Mobilitätsangebote, die unter anderem erstmals das berühmte Letzte-Meile-Problem vollständig lösen könnten. IAV verfügt nicht nur über eigene Erfahrungen mit dem hochautomatisierten Fahren, sondern auch über eine Methode, mit der sich der Einfluss potenziell disruptiver Innovationen wie des autonomen Fahrens auf die Geschäftsmodelle verschiedener Branchen analysieren lässt.

Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen – allerdings hat sich ihre Bedeutung im Laufe der Zeit grundlegend verändert. Durch die stetig wachsende Weltbevölkerung und die zunehmende Urbanisierung stehen heute das Ressourcen- und Effizienzmanagement sowie die steigende Individualisierung und Flexibilisierung der Wegeketten im Vordergrund.

„Die Mobilität wird jeden Tag ein Stück vernetzter, die Mobilitätsketten jeden Tag ein Stück flexibler, und Mobilitätsservices entwickeln sich zu den Ertragstreibern der Zukunft“, sagt René Althans, der sich im Stab der IAV-Bereichsleitung Cockpit & Interieur mit der Strategieentwicklung beschäftigt. „Auch die zunehmende Automatisierung der Welt ist ein Megatrend: Das vollständig fahrerlose Fahren als Zukunftstechnologie der kommenden Jahre hat das Potenzial, all diese Themen aufzugreifen und die Mobilität, wie wir sie heute kennen, noch einmal grundlegend auf den Kopf zu stellen.“ In seiner Diplomarbeit an der TU Berlin hat er sich mit dem Thema „Autonomous Driving as Disruptive Innovation?“ beschäftigt und dafür im November 2015 den Hermann-Appel-Preis im Fachgebiet „Zukünftige Mobilität“ erhalten.

Transport bis direkt vor die Haustür

Eine wesentliche Erkenntnis lautet: Das autonome Fahren eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Gestaltung urbaner und suburbaner Mobilitätslösungen – vor allem dadurch, dass sich Fahrzeug und Fahrer künftig entkoppeln lassen, was nicht nur die Betriebskosten drastisch reduzieren, sondern auch Flächen- und Emissionsprobleme in Städten verringern würde. „Durch Schwarmintelligenz und autonomes Carsharing ließen sich die Straßen effizienter nutzen, zudem könnte die Zahl der Verkehrsunfälle deutlich reduziert werden“, so Althans. „Zudem eröffnet sich zum ersten Mal die Möglichkeit, das Problem der letzten Meile vollständig zu lösen: Bisher gibt es außer dem Taxi kein öffentliches Verkehrsmittel, das die Fahrgäste bis nach Hause bringt. In Zukunft könnten das auch kleinere fahrerlose Busse übernehmen, die möglicherweise nur sechs bis acht Fahrgäste transportieren und wesentlich flexibler einsetzbar wären.“

Mit den neuen Mobilitätsservices stellt sich auch die Frage: besitzen oder nur gebrauchen? Experten gehen zwar davon aus, dass viele Menschen auch in Zukunft ein eigenes Auto besitzen möchten – eventuell mit einem „Autopiloten“ als Premium-Feature. Aber gerade in den überfüllten Innenstädten werden viele Pendler künftig wohl verstärkt auf die neuen Angebote zurückgreifen, die durch das autonome Fahren möglich werden. Und auch die Verkehrssysteme auf Messen, Flughäfen oder Betriebsgeländen ließen sich durch die neue Technik grundlegend neu gestalten. „Das Auto verliert nicht an Bedeutung, wird allerdings Teil eines sehr viel breiteren Mobilitätsspektrums“, sagt Althans.

Neue Möglichkeiten der Wertschöpfung

Für die Mobilitätsbranche bedeutet das: Es entstehen völlig neue Möglichkeiten der Wertschöpfung, die auch für neue Player – etwa aus der IT-Welt – sehr interessant sind. Sie könnten neue Dienstleistungen wie Fahrtenvermittlungen anbieten oder Transporte, deren Kosten von einem Anbieter am Ziel der Fahrt übernommen werden (zum Beispiel bei einem Restaurantbesuch). Die Beispiele zeigen, dass das autonome Fahren das Potenzial hat, bestehende Geschäftsmodelle von Grund auf zu verändern. Und tatsächlich zeigt die Analyse von Althans, dass es sich innerhalb dieser Betrachtung um eine typische disruptive Innovation handelt. Acht Kriterien kennzeichnen einen solchen Umbruch: Die Innovation bietet ein alternatives Wertversprechen, ermöglicht neue Produkte und Services, erschließt den Zugang zu neuen Endkunden, etabliert neue Marktsegmente, modifiziert ganze Wertschöpfungsnetzwerke und bringt neue Akteure ins Spiel. Zugleich bietet eine disruptive Innovation in ihrer Anfangszeit zumeist nur eine begrenzte Performance und im Vergleich zu etablierten Technologien meist deutlich geringere Margen. „Beim autonomen Fahren gibt es durchaus Fälle, in denen alle acht Kriterien erfüllt sind“, fasst Althans seine Untersuchung zusammen.

Aber wie genau beeinflusst das Fahren ohne Fahrer die Geschäftsmodelle verschiedener Branchen? Um das zu bewerten, hat IAV gemeinsam mit seiner Beratungstochter Consulting4Drive (C4D) ein Konzept entwickelt, mit dem sich der Einfluss disruptiver Technologien bewerten lässt. „Damit können wir unsere Kunden nicht nur bei der Analyse ihrer künftigen Schlüsselkompetenzen unterstützen“, so Althans, „sondern insbesondere auch bei der Lösung und Umsetzung von zukunftsfähigen Fahrzeug- und Geschäftsmodellarchitekturen.“