Das zweite Gesicht

Eine neue IAV-Lösung maskiert gefilmte Personen und erhält zugleich relevante Informationen

Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zeigt an ganz unerwarteter Stelle Wirkung: beim autonomen Fahren. Wer Videoaufnahmen aus dem realen Verkehr zum Training seiner Algorithmen nutzt, muss besondere Datenschutzanforderungen beachten. Darum hat IAV das Tool „IAV Maskin“ entwickelt, das Daten ohne Informationsverlust maskieren kann.

Die Algorithmen für das autonome Fahren brauchen Training. Das beste Lernmaterial liefern Videoaufnahmen aus dem realen Straßenverkehr: Anhand von echten Szenen kann die Software zum Beispiel lernen, Fußgänger oder kritische Situationen zu erkennen. Wer solche Aufnahmen nutzt, muss auf die Persönlichkeitsrechte der gefilmten Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen.

Neben der Beschränkung von Zugriffsrechten und Aufbewahrungszeiten ist die Maskierung der Kameradaten eine Möglichkeit, die Persönlichkeitsrechte der gefilmten Verkehrsteilnehmer zu schützen. Gängige Methoden sind dabei das Verpixeln der Gesichter oder schwarze Boxen, die die gefilmten Menschen unkenntlich machen. Solche Aufnahmen sind für das Training von Algorithmen aber nahezu wertlos. „Äußerst wichtige Informationen sind nicht mehr in den Daten enthalten, etwa die Mimik und die Blickrichtung der Personen“, erklärt Dr. Mirko Knaak, Product Owner künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen bei IAV.

Um auch weiterhin mit Videoaufnahmen arbeiten zu können, geht IAV jetzt neue Wege. IAV Maskin heißt die Lösung, die einerseits die Persönlichkeitsrechte berücksichtigt und andererseits die volle Analysierbarkeit der Bilder garantiert. Das System arbeitet in mehreren Schritten: Zuerst erkennt es in den Originaldaten mithilfe künstlicher Intelligenz wichtige Gesichtsmerkmale wie Mimik und Blickrichtung. Anschließend ersetzt es die ursprünglich aufgenommenen Gesichter durch synthetische Pendants mit den gleichen Merkmalen. So bleiben die relevanten Informationen für die Algorithmen erhalten, ohne dass die gefilmten Personen zu erkennen sind.

Zusammenspiel von Fälscher- und Polizeinetz

Die synthetischen Gesichter entstehen durch das Zusammenspiel zweier neuronaler Netze. Das „Fälschernetz“ erzeugt aus weißem Rauschen zufällige Bilder, die das „Polizeinetz“ bewertet. Anfangs haben sie wenig mit dem Originalgesicht aus der Videoaufnahme gemein, aber nach Millionen von Iterationen entsteht ein synthetisches Gesicht mit passender Mimik und Blickrichtung sowie den gleichen Persönlichkeitsmerkmalen (Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Frisur). Sobald das Polizeinetz mit der Ähnlichkeit zufrieden ist, kann es automatisch in die Videoaufnahme montiert werden. Da IAV Maskin auch die Geometrie des Gesichtes berücksichtigt, kann das System sogar Bewegungsabläufe der gefilmten Personen nachvollziehen – zum Beispiel ein Drehen des Kopfes.

Mitte 2018 hat IAV mit der Entwicklung von IAV Maskin begonnen, und inzwischen läuft die erste Version stabil. „Unsere Kunden sind ausgesprochen beeindruckt“, berichtet Knaak. „Wir sind zum Beispiel als Einzige in der Lage, synthetische Gesichter in Echtzeit mit den passenden Frisuren zu erzeugen.“ Die Nachfrage nach der IAV-Lösung dürfte in Zukunft darum groß sein – zumal nicht nur in Europa die datenschutzrechtlichen Anforderungen verschärft wurden: Auch in Kalifornien gelten ähnliche Vorschriften.

Auf der CES 2019 in Las Vegas hat IAV das Tool IAV Maskin der breiten Öffentlichkeit vorgestellt und dabei viel positives Feedback erhalten. Neben der Automobilindustrie kam Interesse aus vielen anderen Bereichen, wie der amerikanischen Polizei. Die neue Lösung hat also gute Aussichten, bald weltweit Menschen ein zweites Gesicht zu verleihen.