Smart unterwegs

Fahrzeug-Know-how plus IT-Expertise: Die Kooperation von IAV und Hewlett- Packard bringt das „Connected Car“ ein Stück näher

Seit Mitte 2014 arbeiten IAV und Hewlett-Packard im Bereich der vernetzten Mobilität zusammen, um mithilfe von Big-Data-Analysen neue Services und Geschäftsmodelle zu entwickeln – etwa bei der „Cape 2 Cape Challenge 2014“ (siehe dazu den folgenden Bericht). Welche faszinierenden Möglichkeiten sich durch die Kombination von IT und Fahrzeug ergeben, erklären Jürgen Dettling (Chief Technologist bei Hewlett-Packard) und Christoph Kielmann (Fachbereichsleiter Fahrwerkentwicklung bei IAV).

Ein IT-Unternehmen wie Hewlett-Packard kooperiert mit einem Automobil-Spezialisten wie IAV. Das klingt nach einer ungewöhnlichen Kombination …

Dettling: Heute ist das gar nicht mehr so selten, denn auch im Auto greift die Digitalisierung um sich: Sensoren liefern immer mehr Messwerte, aus denen wir mithilfe von Big-Data- Analysen wertvolle Informationen gewinnen können. Und genau das ist ja das Kerngeschäft von IT-Unternehmen wie Hewlett-Packard. Gemeinsam mit Engineering-Spezialisten wie IAV können wir darum neue Geschäftsmodelle entwickeln – vor allem neue Services rund um die Fahrzeuge.

Kielmann: Auch wir sehen in diesem Bereich sehr großes Potenzial. Dafür muss die Automobilbranche allerdings mehr über die ITWelt lernen, um die zunehmende Vernetzung und Komplexität beherrschen zu können. Big Data eröffnet beispielsweise die Möglichkeit, mit „Predictive Diagnostics“ Probleme im Feld zu erkennen und zu beheben, noch bevor die Kunden sie bemerken. Dafür müssen sich die Fahrzeuge aber in Zukunft nach außen öffnen: Sie sind dann nicht mehr abgeschottet, sondern werden zu einem offenen System – das zugleich aber vor Manipulationen von außen geschützt sein muss.

Sind die dafür notwendigen Technologien aus dem IT-Bereich alle schon vorhanden?

Dettling: Es gibt tatsächlich schon viele Technologien, die wir auch im Fahrzeug nutzen können. So betreibt die IT-Branche zum Beispiel schon seit Jahrzehnten Rechenzentren, bei denen es sich um vernetzte Systeme handelt, die absolut ausfallsicher betrieben werden müssen. Oder denken Sie an existierende Cloud-Lösungen, die sich als Plattformen für vernetzte Fahrzeuge und die Car-to-X-Kommunikation anbieten. Aus meiner Sicht sind darum die wichtigsten Komponenten für die „Connected Cars“ der Zukunft bereits vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, in diesem Bereich neue Standards zu entwickeln und Millionen von Fahrzeugen miteinander zu vernetzen.

Kielmann: Auch ich sehe die Herausforderung nicht unbedingt bei den Technologien. Fast noch wichtiger wird es sein, eine gesellschaftliche Akzeptanz für diese neuen Systeme zu schaffen – etwa bei allen Fragen rund um die Datensicherheit und den Datenschutz. IAV kann hier natürlich nicht im Alleingang neue Lösungen entwickeln und genau darum sind Partnerschaften wie mit Hewlett-Packard ja so wichtig.

Welche neuen Services und Geschäftsmodelle wird uns die Vernetzung bringen?

Kielmann: Ein sehr realistisches Szenario sind Versicherungstarife, die sich am Fahrstil des Kunden und seinem Mobilitätsverhalten orientieren – wer zum Beispiel in Regionen unterwegs ist, wo es erfahrungsgemäß viele Verkehrsunfälle oder Autodiebstähle gibt, muss einen höheren Tarif bezahlen. Faszinierend sind auch die Möglichkeiten, die der gesamte Fahrzeugschwarm bietet: Im Prinzip haben wir es hier ja mit einem Kollektiv von Millionen von Sensoren zu tun, die Parameter wie die Temperatur, den Luftdruck oder die Schadstoffkonzentration messen. Daraus ergeben sich zum Beispiel völlig neue Modelle für Wettervorhersagen. Die Optimierung von Verkehrsflüssen ist ein weiteres hochinteressantes Anwendungsfeld: Wenn alle Fahrzeuge untereinander aktuelle Informationen über die Verkehrssituation austauschen, wird eine „Mobilität 4.0“ möglich – das Navigationssystem kann zum Beispiel berechnen, mit welchem Mix aus Verkehrsträgern ich am schnellsten zum Ziel komme, und mich zum nächsten S-Bahn-Parkplatz leiten.

Dettling: Genau an diesem Punkt ist das Know-how von IT-Unternehmen gefragt. Wir können solche großen Datenmengen effektiv und in Echtzeit analysieren, was diese neuen Services überhaupt erst ermöglicht. Um dabei den größtmöglichen Nutzen zu stiften, sind Partnerschaften besonders wichtig: Die OEMs könnten zum Beispiel die Auslastung ihrer Werkstätten optimieren, indem sie ihren Kunden gezielt Sonderangebote zusenden – etwa preisgünstiges Motoröl, wenn der Ölstand im Fahrzeug niedrig ist. Von solchen Modellen profitieren alle Beteiligten.

Wer wird in Zukunft diese Daten verwalten: die OEMs, IT-Unternehmen oder andere Anbieter?

Dettling: Hier wird es ganz verschiedene Modelle geben. Ein Flottenbetreiber könnte diese Informationen selbst sammeln und auswerten, um seine Fahrzeuge zu verwalten und deren Nutzung zu optimieren.

Kielmann: Neben den OEMs oder ihren Partnern kommen aber auch ganz andere Unternehmen infrage. Wenn sich die Fahrzeuge immer weiter öffnen, werden die Daten auch für Firmen wie Facebook oder Twitter interessant: Man könnte sie dann genauso ins Netz stellen wie heute Urlaubsbilder.

Sicherheit ist ein extrem wichtiges Thema in der Automobilindustrie. Bringt die zunehmende Vernetzung nicht auch neue Gefahren?

Kielmann: Das ist ein Risiko, das wir beherrschen können. Es wird auch in Zukunft immer Domänen im Fahrzeug geben, die abgeschlossen bleiben – zum Beispiel alle Funktionen der Fahrzeugsicherheit. Andere Bereiche sind offen, werden aber vor Manipulationen geschützt sein.

Dettling: Hier müssen bewährte IT-Schutzmechanismen wie Authentifizierung, Firewalls und Intrusion-Detection greifen, für die es bereits internationale Standards gibt. Ein hohes Maß an Sicherheit bieten zudem moderne Tools für die Entwicklung und den automatisierten Test von Software.

Gibt es schon konkrete Projekte, die Hewlett-Packard und IAV im Rahmen ihrer Kooperation umsetzen wollen?

Kielmann: Wir diskutieren viele Ideen für Use- Cases und stellen sie auch gemeinsam potenziellen Kunden vor. Ich bin zuversichtlich, dass wir noch im Laufe dieses Jahres erste konkrete Projekte umsetzen können. Dabei ist es besonders wichtig, dass neben dem Fahrzeugbereich von IAV auch die Kollegen aus der Motorenentwicklung mit an Bord sind – denn in ihrer Domäne fallen sehr viele Daten an, die wir auswerten können.

Dettling: Auch wir treiben konkrete Projekte voran und stellen sie möglichen Kooperationspartnern vor. Die Zusammenarbeit mit IAV ist ideal, weil das Unternehmen über ein tiefes Engineering-Know-how verfügt, nicht auf einen einzelnen OEM fokussiert ist und sehr agil reagiert, sodass wir viele Dinge schnell umsetzen können. Durch das Cape-2-Cape-Projekt haben wir zudem viel Vertrauen aufgebaut, was natürlich eine wichtige Grundlage für eine solche Kooperation ist.

Bitte werfen Sie noch einen kurzen Blick in die Zukunft. Was werden die vernetzten Fahrzeuge in zehn Jahren können?

Kielmann: Bis dahin dürfte das autonome Fahren Realität geworden sein. Natürlich wird es auch dann noch ein Lenkrad geben, aber in vielen Situationen wie etwa bei Staus kann der Fahrer die Kontrolle abgeben. Außerdem dürfte sich das Backend des vernetzten Verkehrssystems zu einem weiteren Sensor entwickeln: Über die Cloud erfahren die Fahrzeuge sofort auch das, was andere Verkehrsteilnehmer über ihre Umgebung wissen. Man könnte sogar ein vollständiges Modell dieser Umgebung im Backend vorhalten und die Fahrzeugsensorik müsste dann nur noch die relevanten Unterschiede zum Normalzustand feststellen. Die Folge wird sein, dass es deutlich weniger Unfälle gibt – vor allem in den großen asiatischen Metropolen mit ihren noch immer sehr hohen Unfallzahlen.

Dettling: Eine attraktive Vision ist die Kombination von autonomem Fahren mit Carsharing. Ich glaube aber auch, dass trotz der Automatisierung der Spaß am Autofahren bleiben wird – der Fahrer kann je nach Situation entscheiden, ob er automatisiert oder manuell fahren möchte. In jedem Fall werden die Autos der Zukunft smarte Objekte im Internet der Dinge sein, die in Echtzeit Informationen austauschen und ihre Fahrer unterstützen. Und die IT ist die Grundlage dafür, all diese neuen Dienste anzubieten.