Gemeinsam zum Ziel

Partnernetzwerk entwickelt hochautomatisierten Individualverkehr der Zukunft

Vor mehr als 130 Jahren bereitete der Motorwagen von Carl Benz den Weg zum heutigen Individualverkehr. Jetzt stehen die seither gewachsenen Strukturen vor einem Umbruch, denn hoch­auto­matisierte Funktionen in selbstfahrenden Fahrzeugen führen nicht nur zu erheblichen technischen Veränderungen, sondern revolutionieren traditionelle Geschäftsmodelle bei Automobil­herstellern, Zulieferern und Dienstleistungsanbietern. Mit einem starken Partnernetzwerk bringt IAV die gemeinsame Vision der hoch­automatisierten Mobilität der Zukunft auf die Straße.

Hoch­automatisierte Fahr­funktionen erhöhen Fahrkomfort und Sicherheit, optimieren den Verkehrsfluss, reduzieren den Verbrauch und senken die Emissionen. Damit bieten sie Antworten auf viele maßgebliche Fragen der künftigen individuellen Mobilität, allerdings stellen sie auch erhebliche Anforderungen an die im Fahrzeug und in der Infrastruktur verbauten Technologien. Mit den althergebrachten Entwicklungs­strukturen und Vermarktungswegen sind die neuen Aufgaben nicht mehr lösbar. Beispielsweise erfordern hochentwickelte Fahr­funktionen leistungsstarke Softwaretools und Prozessoren, mit denen die Signale der Sensorik in Echtzeit verarbeitet und Steuerungsbefehle an die Aktuatorik gegeben werden können. Für einen sicheren Informationsaustausch in der Datencloud muss eine ständige Kommunikation mit anderen Fahrzeugen und der Infrastruktur gewährleistet sein.

Branchen­übergreifende Partnerschaft

Die technischen Hürden zu überwinden ist nur ein Aspekt, der für eine erfolgreiche Markteinführung hoch­automatisierter Fahrfunktionen berücksichtigt werden muss. Der andere sind die noch zu hohen Kosten für die Hardware und den laufenden Betrieb der Systeme innerhalb und außerhalb des Fahrzeugs. IAV arbeitet deshalb bei der Umsetzung des hoch­automatisierten Fahrens in einem leistungs­fähigen Netzwerk mit den Partnern Microsoft, NXP Semiconductors, Esri, Swiss Re und Cubic Telecom zusammen. „Wir haben uns bewusst für eine branchen­übergreifende Zusammenarbeit entschieden. Jedes Unternehmen bringt seine individuellen Stärken und sein spezifisches Know-how mit ein, sodass wir in Summe ein technisch und wirtschaftlich überlegenes Gesamtkonzept anbieten können“, erklärt Benedikt Schonlau, Abteilungsleiter Automated ITS bei IAV.

Die erste Umsetzung ihrer Vision zeigten die Projektpartner Anfang Januar auf der diesjährigen International Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, einer der weltweit größten Fachausstellungen für Unterhaltungselektronik. Messebesucher konnten sogar eine Probe­fahrt mit einem hochautomatisierten Fahrzeug unternehmen und sich vom hohen Reifegrad des Projekts überzeugen.

Neues Geschäftsmodell

Speziell bei der Wirtschaftlich­keits­betrachtung gehen die Partner neue Wege. Bis jetzt werden Fahrerassistenzsysteme wie andere Features als Sonderausstattung angeboten. Nur wenn der Kunde die Option bei der Fahrzeug­konfiguration seines Neuwagens wählt, wird die entsprechende Hardware eingebaut. „Unsere Marktanalysen haben gezeigt, dass dieses starre Businessmodell beim hoch­automatisierten Fahren nicht mehr trägt“, so Benedikt Schonlau. Denn bei Einführung der Autopilot­funktionen sind die Stückzahlen aufgrund der noch geringen Ausrüstungs­quote klein und damit die Kosten für die notwendigen Bauteile im Fahrzeug hoch. Zudem können bei der Nutzung der Funktionen anfallende Aufwendungen, beispielsweise für die Bereitstellung der intelligenten Infrastruktur, die Aktualisierung des Kartenmaterials oder die Anbindung an eine Datencloud, mit den jeweiligen Providern nur unzureichend abgerechnet werden.

Bei dem von IAV verfolgten Geschäftsmodell wird die Hardware standardmäßig im Fahrzeug eingebaut, der Automobilhersteller schaltet die automatisierten Fahrfunktionen rein software­seitig frei. Möchte ein Kunde das Feature zum Zeitpunkt des Fahrzeugkaufs zunächst nicht wählen, kann er es später noch aktivieren lassen. Das gibt den Kunden maximale Flexibilität, sie können die Assistenzdienste statt dauerhaft nur zeitweise oder streckenbezogen buchen, etwa am Wochenende oder für Urlaubs- oder Geschäftsfahrten. Über innovative Bezahl­modelle wird dann nur die abgerufene Leistung berechnet. Das eröffnet zudem neue Marketingmöglichkeiten, wie verbilligte oder kostenlose Testangebote, um die Vorteile des automatisierten Fahrens für die Kunden im Einführungs­zeitraum erlebbar zu machen.

Die transparente Kostenstruktur schafft für alle an der Umsetzung beteiligten Unternehmen eine valide Kalkulationsbasis, sodass sie ihre Investitionen und die erwarteten Erträge besser abschätzen können. Auch für die Automobilhersteller ergeben sich bei diesem Ansatz handfeste Vorteile. Da sie die System­hardware modell- und plattform­übergreifend in alle Fahrzeuge verbauen, senken sie über die Skaleneffekte ihre Stückkosten sowie ihren Entwicklungs-, Absicherungs- und Applikations­aufwand. Zudem können sie mit den kontinuierlichen Einnahmen einfacher die laufenden Kosten abdecken, die ihnen bei den Providern entstehen.

IAV und die anderen Netzwerkpartner haben die Technologien schon so weit entwickelt, dass in drei bis vier Jahren mit der Serienreife zu rechnen ist. Die ersten Anwendungen des hoch­automatisierten Fahrens im Individualverkehr erwartet IAV zunächst im außer­städtischen Bereich. Dort ist der permanente Informationsaustausch mit der Umgebung nicht unbedingt notwendig; damit entfällt ein Haupthindernis der Einführung. In Ballungszentren mit dichtem Verkehr und komplexen Verkehrssituationen ist demgegenüber die Datenanbindung an eine intelligente Infrastruktur unumgänglich. Aus diesem Grund wird in Innenstädten zunächst der öffentliche Personennahverkehr auf das automatisierte Fahren umgerüstet. IAV entwickelt dafür ein in sich geschlossenes Gesamtsystem, das Omnibusse und Umgebung miteinander verknüpft. Wenn die intelligente Infrastruktur etabliert ist, werden die Systeme für den individuellen Verkehr geöffnet und erlauben dann den automatisierten Pkw-Verkehr auch in der Stadt.