Hilfe aus der Cloud

Service und neue Software aus der Cloud: Die Fahrzeugdiagnose wird Teil des Mobile Lifestyle

Pannen und Probleme verlieren ihren Schrecken: Das verspricht die Funktion „Remote Diagnostics“ von IAV. Über die Cloud bekommt der Fahrer Hilfe, wenn das Fahrzeug einen Fehler meldet. Und falls es doch in die Werkstatt muss, sind die benötigten Ersatzteile schon bestellt. Auch Software-Updates und -Upgrades lassen sich künftig über die Cloud durchführen. Das steigert die Kundenzufriedenheit, eröffnet neue Geschäftsmodelle und verschafft den OEMs einen direkten Kanal zu den Kunden.

Wer heute einen Servicefall hat, muss sich meist in Geduld üben. Gegebenenfalls muss ein Techniker zum Ort des Geschehens kommen, oft folgt danach noch die Fahrt in die Werkstatt, und in vielen Fällen müssen benötigte Ersatzteile bestellt werden. „So ist schnell ein ganzer Tag vergangen, was für den Fahrer sehr ärgerlich ist“, sagt Kai Sieckmann, Abteilungsleiter Diagnose bei IAV. „Das wollen wir ändern: In Zukunft nimmt das Fahrzeug Verbindung zu einem Backend auf. Dort wird analysiert, ob es eine schnelle Lösung gibt.“ Grundlage dafür ist die „Diagnostic Cloud“, die Fahrzeug­informationen einfach und überall zur Verfügung stellt. In ihr laufen zahlreiche „Micro Services“, die den Fahrzeug­nutzer und den Service im Hintergrund unterstützen.

Bei manchen Fehlerbildern ließe sich per Befehl aus der Cloud zum Beispiel die Maximal­geschwindigkeit begrenzen. Statt untätig am Straßenrand zu warten, könnte der Fahrer seine Reise fortsetzen – wenn auch langsam. Und wenn ein Werkstattbesuch unvermeidlich ist, würde eine Assistenzfunktion in der Cloud automatisch einen Termin vereinbaren – abgestimmt auf den Terminkalender des Fahrers. Natürlich ließen sich die Diagnose­informationen auch nutzen, um in der Zwischenzeit die benötigten Ersatzteile zu bestellen.

Vorausschauende Wartung

Selbst die Vorhersage von Problemen ist heute schon möglich und beispielsweise in der Anlagentechnik unter dem Stichwort „Predictive Maintenance“ bereits im Einsatz: Dabei erkennt eine Software verdächtige Muster, die auf einen bevorstehenden Ausfall hindeuten können, und veranlasst eine Wartung. Dieser Ansatz lässt sich auf die Automobilwelt übertragen: „Viele Informationen dafür sind schon jetzt im Fahrzeug vorhanden – wir müssen sie miteinander kombinieren, um Aussagen über den Zustand des Fahrzeugs treffen und einen Besuch in der Werkstatt veranlassen zu können“, erklärt Dr. Alexander Roy, Senior-Fachreferent Diagnose bei IAV. „Das ist eine typische Big-Data-Aufgabe.“

Die dahinter stehenden Berechnungen müssen aber nicht unbedingt auf den Steuergeräten im Fahrzeug stattfinden – diese Aufgabe könnte auch das Rechenzentrum eines OEMs übernehmen, das die aufbereiteten Daten über die Cloud erhält. „Diese Lösung ist skalierbar und lässt sich sehr einfach um neue Funktionen erweitern“, so Dr. Roy. „Der Trend geht eindeutig in diese Richtung.“

Updates und Upgrades über die Cloud

Neben der Ferndiagnose bei Problemen könnten OEMs in Zukunft Software-Updates und -Upgrades über die Cloud in die Fahrzeuge einspielen. „Diese Remote Updates und Upgrades werden ,over the air‘ verteilt und sind in der Lage, Funktionen und Apps zu konfigurieren oder freizuschalten“, sagt Sieckmann. „Dadurch eröffnet sich auch Drittanbietern ein neues, hervorragendes Geschäftsumfeld für Onlinedienst­leistungen.“

Die technologischen Voraussetzungen für eine Remote-Diagnose und ein ,over the air‘ Update sind bereits vorhanden und werden zum Teil schon umgesetzt. „Die wirklichen Herausforderungen bestehen allerdings in der Sicherstellung einer hundertprozentigen Zuverlässigkeit des Update-Prozesses und in der notwendigen Anwendung vom SOP bis zum Ende des Fahrzeug­lebens, das 20 Jahre und mehr erreichen kann“, so Dr. Roy. Wie lässt sich das – verglichen mit heutigen Entwicklungs- und Support-Zyklen – sicherstellen?

Paradigmenwechsel in vielerlei Hinsicht

Auch beim Absichern und Ausrollen neuer Softwaremodule sind neue Ansätze gefragt. Wie lassen sich neue Funktionen in einer stetig wachsenden Varianten­vielfalt und Komplexität vorab testen? Arbeitet das Gesamtsystem nach dem Update noch? Und wie sollten sie ausgerollt werden? „Im schlimmsten Fall würden nach einem fehlerhaften Update alle betroffenen Fahrzeuge stillstehen – weit entfernt von der nächsten Werkstatt“, so Sieckmann. „Hier bietet sich ein schrittweises Ausrollen an, um mögliche Probleme zu begrenzen.“

Eine mindestens ebenso große Herausforderung ist der langfristige Support der Software in den Fahrzeugen. „Der Hersteller muss über die gesamte Lebensdauer in der Lage sein, auf Probleme zu reagieren“, erklärt Sieckmann. „Hier stellen sich viele Fragen: Wie lässt sich neue Software für relativ alte Fahrzeuge testen? Wie kann der OEM diese Fahrzeuge überhaupt erreichen?“ Updates und Upgrades über die Cloud erfordern also einen Paradigmen­wechsel in technischer, prozessualer und infrastruktureller Hinsicht.

Direkter Kanal zum Kunden

Die Vernetzung der Fahrzeuge bietet große Vorteile: „Die Hersteller können die Zufriedenheit ihrer Kunden verbessern und neue Geschäftsmodelle etablieren“, sagt Dr. Roy. „Zudem können sie sich einen direkten Kanal zu ihren Kunden erschließen: Über Remote Diagnostics lassen sich Sonderangebote bewerben, oder man kann die Fahrzeugbesitzer an bevorstehende Service­untersuchungen erinnern.“

IAV beschäftigt sich intensiv mit diesem hochaktuellen Thema. Auf der CES in Las Vegas war das „Cloud Car“ zu sehen, das als Anwendungs­beispiel das „Remote Update“ und den „HU Precheck“ zeigte: Über eine App kann der Fahrer den Zustand wichtiger Komponenten vor Fahrtantritt überprüfen und gegebenenfalls vorab agieren – damit bei der späteren Inspektion und Hauptuntersuchung (HU) alles glatt läuft.