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Den Blick im Blick

Unaufmerksame Fahrer verursachen viele schwere Unfälle. Die amerikanische Straßenverkehrsbehörde NHTSA und der japanische Autoherstellerverband JAMA schreiben für die Funktionen von Infotainmentsystemen darum genau vor, wie sehr sie ihre Nutzer während der Fahrt ablenken dürfen. Im UX Lab in Gifhorn testen IAV-Experten in einem Simulator, ob die Vorgaben erfüllt sind.

Im Gifhorner UX Lab von IAV steht ein Fahrsimulator, der den Menschen am Steuer ganz genau zusieht – und zwar beim Sehen. Denn wer hier als Proband Platz nimmt, soll einen Beitrag zu mehr Verkehrssicherheit leisten. Genauer: Mithilfe ihrer „Sitzkiste“ testen die Ingenieure, ob der Fahrer durch die Bedienung des Infotainmentsystems zu stark vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird. Solche Untersuchungen sind von der amerikanischen Straßenverkehrsbehörde NHTSA vorgeschrieben – nicht zuletzt, weil in den USA allein 2017 mehr als 3.166 Menschen durch unaufmerksame Autofahrer getötet wurden.

Bevor ein neues Infotainmentsystem in den USA auf dem Markt kommen darf, muss es darum den NHTSA-Test bestehen. Im Gifhorner Simulator bauen die IAV-Experten dafür auf Basis von CAD-Daten des Herstellers ein Cockpit nach, das ergonomisch dem späteren Serienstand entspricht. Auf den Leinwänden vor sich sehen die Probanden eine amerikanische Straßenszene, inklusive der dort üblichen Straßenmarkierungen und Verkehrszeichen. Dabei tragen sie eine Spezialbrille, die mit zwei Kameras die Augenbewegungen und mit einer weiteren Kamera das Blickfeld der Testpersonen filmt.

„So sehen wir genau, wie lange der Fahrer bei verschiedenen Use Cases wo hinschaut – etwa bei der Eingabe einer Telefonnummer während der Fahrt“, sagt Daniel Nause, Ingenieurpsychologe bei IAV. „Typische weitere Testfälle sind eine Veränderung der Kartenskala, die Zieleingabe oder das Blättern in der Kontaktliste auf dem Display.“

Maximal erlaubte Ablenkung ist genau definiert

Bestanden hat ein Infotainmentsystem, wenn wenigstens 21 von 24 Probanden während des gesamten Bedienvorgangs ihren Blick weniger als zwölf Sekunden von der Straße abwenden mussten. Außerdem muss die durchschnittliche Dauer der einzelnen Ablenkungen bei ihnen unter zwei Sekunden liegen. Und schließlich dürfen nicht mehr als 15 Prozent ihrer Blickabschweifungen länger als zwei Sekunden gedauert haben. All das lässt sich mit der Kamerabrille exakt erfassen. Fällt eine Funktion durch, muss sie im späteren Serienfahrzeug beispielsweise während der Fahrt gesperrt werden.

Ein anderes Testverfahren ist das „Occlusion Testing“, bei dem man ohne Simulator auskommt. Statt einer Kamerabrille tragen die Probanden hier eine Brille, die mithilfe eines Flüssigkristall-Displays die Sicht entweder freigeben oder versperren kann.

Für den NHTSA-Test wird sie in 1,5-Sekunden-langen Intervallen auf transparent geschaltet, und die Testpersonen müssen in diesen Zeitschlitzen die Funktionen des Infotainmentsystems bedienen. Bestanden hat es, wenn wieder mindestens 21 von 24 Probanden höchstens zwölf Sekunden „Offenzeit“ (aufsummierte Summe der Offen-Intervalle) dafür brauchen. IAV stellt die geforderten Probanden zusammen.

Bei der Auswahl der Probanden gelten genaue Vorgaben: Unter ihnen müssen jeweils zwölf Männer und zwölf Frauen sein. Pro Geschlecht fordert die NHTSA jeweils drei Personen im Alter von 18 bis 24, 25 bis 39, 40 bis 54 sowie 55 Jahren und älter. Alle müssen bei guter Gesundheit, aktive Fahrer (mindestens 3.000 Meilen pro Jahr), erfahren im Umgang mit modernen Touch Devices und natürlich unvertraut mit dem neuen Infotainmentsystem sein.

Für die Rekrutierung der Testpersonen greift IAV auf externe Agenturen, aber zunehmend auch auf einen eigenen Probandenpool zurück, der aus 400 Mitarbeitern und 300 externen Personen besteht (Tendenz steigend). Sie können auch an den Tests teilnehmen, die der japanische Autoherstellerverband JAMA vorgibt und die IAV ebenfalls in Gifhorn durchführt. Für diese sind jeweils zehn Männer und Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren vorgeschrieben.

Auch hier geht es um die Ablenkung durch Displays im Auto während der Fahrt. Bei den JAMA-Tests kommt ausschließlich die Okklusions-Brille zum Einsatz. Außerdem gelten andere Grenzwerte als bei der NHTSA: Die Brille gibt den Blick für 1,5 Sekunden frei und versperrt ihn danach für eine Sekunde. Dieses Muster wiederholt sich, und die Probanden müssen die Aufgabe in höchstens 7,5 Sekunden „Offenzeit“ bewältigen. Anschließend bewerten sie auf einer Skala von eins bis sieben, wie sehr sie der gesamte Bedienvorgang gestresst hat.

„Mit den NHTSA- und JAMA-Tests tragen wir zur Verkehrssicherheit bei“, so Nause, der sich seit vier Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Wir können sie in Deutschland oder in den Zielländern USA und Japan durchführen.“ Wo auch immer der IAV-Simulator zum Einsatz kommt: Er hat den Blick der Probanden immer fest im Blick.


Der Artikel erschien in der automotion 03/2019, dem Automotive Engineering-Fachmagazin von IAV. Hier können Sie die autmotion kostenfrei bestellen.