Vom Clash of Cultures zum Besten aus beiden Welten

Die Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und IT-Experten gestaltet sich aufgrund unterschiedlicher Denkweisen oft herausfordernd – birgt aber großes Potenzial. Die IAV-Tochter CPU 24/7 entwickelt Engineering-Werkzeuge für digitale Zusammenarbeitsmodelle einer neuen Generation. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Christian Müller-Bagehl und Dr. Michael Reichel, Head of Context Engineering bei CPU 24/7.

Was ist die Rolle von CPU 24/7 innerhalb der IAV-Familie?

Reichel: Wir sind Deutschlands führender Cloud-Anbieter für den Bereich Engineering. Angefangen hat CPU 24/7 im Jahre 2006 als High-Performance-Computing-Service-Provider für das Computer Aided Engineering. Heute bieten wir Ingenieuren in unterschiedlich großen Unternehmen eine sichere IT-Plattform für alle denkbaren Anwendungen im gesamten Produktentwicklungsprozess.

Müller-Bagehl: Wir arbeiten verstärkt an einem Thema, das wir erleben, wenn wir unsere Entwicklungsmethoden im Engineering mit dem vergleichen, was wir bei unseren IT-Kollegen sehen: Die Vorgehensmodelle in den Domänen IT und Engineering gehen teils weit auseinander.

christian mueller bagehl

«Unser Ziel ist es, Austausch und Kollaboration so zu intensivieren, dass wir das Beste aus beiden Welten zusammenbringen.»

Christian Müller-Bagehl — Geschäftsführer von CPU 24/7

Wie zeigen sich die Unterschiede der beiden Kulturen?

Müller-Bagehl: Vor allem in der Frage, wie sie mit Komplexität umgehen. In der „Cloud-Welt“ kommen täglich neue Services auf, die Anzahl an IT-Bausteinen wächst, sie vernetzen sich dynamisch. Komplexität managen heißt hier: das Zusammenspiel von Services zu orchestrieren, die so sind, wie sie angeboten werden. Das Ingenieurswesen dagegen beherrscht Aufgaben, indem es Projekte in viele Teilaufgaben zerlegt, die Bausteine aufgaben­spezifisch entwickelt, wieder zusammensetzt und auf den Markt bringt. Das passt gut in eine Welt, in der diese Bausteine und Produkte anfassbar sind, aber in einer hochgradig vernetzten Welt führt das zu Problemen: Die Komplexität steigt, aber die perfektionierte Methode, sie zu beherrschen, wird ineffizient. Das ist, als würde man versuchen, eine Schraube mit dem Hammer einzuschlagen. Die IT-Welt hatte gar nicht die Zeit, sich der Perfektion des Beherrschens der Bausteine hinzugeben – sie musste schnell lernen, Dinge außerhalb der eigenen Einflusssphäre so zu meistern, dass der Mehrwert schnell und spürbar beim Kunden ankommt. Die einen wollen also Komplexität beherrschen, die anderen sie managen.

Gibt es denn auch Gemeinsamkeiten?

Reichel: Bei beiden gilt: Versuch macht klug. Allerdings arbeitet der IT-Experte ganz gezielt daran, die „Turnaround-Zeit“ – also die Zeit zwischen einer Parametrisierung oder Änderung des Systems und dem Erkenntnisgewinn – möglichst klein zu halten.

Müller-Bagehl: Beide Disziplinen wollen schnell gute Lösungen mit echtem Mehrwert für den Kunden erreichen. In der digitalen Welt ist Geschwindigkeit sehr wichtig, und sie ist nur über Kollaboration und neuste digitale Methoden zu erreichen. Das Engineering hingegen denkt in fachspezifischen Säulen.

michael reichel

«Wir sind überzeugt: Es ist wichtig, dem Engineering die Hebel der digitalen Welt zur Verfügung zu stellen.»

Dr. Michael Reichel — Head of Context Engineering bei CPU 24/7

Wie spiegelt sich das in der Strategie der CPU 24/7 wider?

Müller-Bagehl:
Zum einen ist diese IAV-Tochter stark im Bereitstellen von gemanagten HPC-Ressourcen, mit denen sich die Turnaround-Zeiten bei Berechnungen der Ingenieure senken lassen, ohne dass diese sich um Hardware, Konnektivität oder Lizenzen kümmern müssen. Diese Kompetenz bauen wir weiter aus. Zum anderen setzen wir unsere Engineering Cloud auf. Dort werden wir weitere Services für Ingenieure platzieren wie unsere Engineering Web Services, mit denen wir Applikationen auf Basis eines Service-Katalogs, Container-Plattformen sowie diverse Kollaborations- und Groupware-Lösungen bereitstellen. Wir werden verstärkt Services und Werkzeuge im Bereich Context Engineering anbieten, um Methoden der IT-Welt für Ingenieure verfügbar zu machen.

Was sind die Lösungselemente in einem solchen Werkzeugkasten?

Reichel: Kern der Lösung wird die sogenannte Kontextlandkarte sein. In ihr sind Datenpunkte unterschiedlicher Natur wie Anforderungen, User Stories, Rechtsnormen oder Architekturblöcke nicht nur abgelegt, sondern sinnvoll verknüpft. Auf diese Weise kann zum Beispiel ein Solution Architekt Kontexte als Service erfragen: „Wurde diese Fähigkeit im Gesamtsystem schon einmal entwickelt?“, „Gab es zu dieser Open-Source-Komponente in der Vergangenheit schon Entscheidungen?“, „Wen muss man über die Entscheidungen informieren?“, „Wer ist davon betroffen?“ Die so gefundenen Kontexte bilden die Grundlage einer Diskussion und erden diese. Im Kern gilt es somit, Auswerte-Services aufzubauen, die solche Fakten für eine Diskussion zwischen den Gewerken bereitstellen. Mit ansprechender Benutzeroberfläche und im Unterbau schnell genug, um bei Meetings in Echtzeit als Kontextlandkarte mitzuhalten. Gerade bei Letzterem wird uns unsere Expertise im Cloud-Geschäft helfen.

«Wir sind der festen Überzeugung, mit unserem Angebot die beiden Welten, Engineering und IT, näher zusammenzubringen und Lösungen zu schaffen, von denen letztendlich alle Beteiligten profitieren.»

Dr. Michael Reichel — Head of Context Engineering bei CPU 24/7

Also vom „Clash of Cultures“ zum Besten aus beiden Welten?

Müller-Bagehl: Wir schaffen mit unseren Services eine Begegnungsfläche zum Austausch. Gerade aus der ergänzenden Zusammenarbeit beider Kulturen kann großer Mehrwert entstehen.

Reichel: Wichtig ist uns dabei, auch Firmen einzuladen, die selbst an datenbasierten Lösungen für das Ingenieurwesen arbeiten. Wir bieten ihnen die Plattform, in einer deutschen Cloud sicher zu skalieren, und die Möglichkeiten, „mehr als nur eine Kommandozeile“ zu liefern. Wir sind dabei in der einmaligen Position, die Perspektive der IT mit den Abläufen unserer Kunden zu verzahnen.

Die Engineering Cloud von CPU 24/7

Die Engineering Cloud von CPU 24/7 ist eine sichere und dedizierte IT-Plattform, die Services für die gesamte Produktentwicklung und den Produktlebenszyklus bietet, einschließlich aller relevanten Anwendungen etwa für Computer Aided Engineering oder Data Science. Diese Services wie HPC-Cluster-Lösungen oder Applications-as-a-service werden nach Bedarf bereitgestellt und abgerechnet. Die CPU 24/7 Engineering Cloud hilft, Innovationen schneller und agiler voranzutreiben. Ingenieure können sich so auf ihre Engineering-Aufgaben konzentrieren. Die Daten verlassen dabei Deutschland nicht, denn CPU 24/7 nutzt eine deutsche Cloud nach höchsten Sicherheitsstandards (ISO 27001, TISAX).

Der Artikel erschien in der automotion 03/2020, dem Automotive Engineering-Fachmagazin von IAV. Hier können Sie die automotion kostenfrei bestellen.

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