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„Wer sich nicht umstellt, ist raus“

Design Thinking, kollaboratives Arbeiten, neue Qualifikationen: Die Zukunft gehört dem Digital Engineering

Designthinking
Stefan Schmidt

Die Automobilbranche verändert sich rasant – und mit ihr die Entwicklungsprozesse. IAV setzt in Zukunft darum konsequent auf „Digital Engineering“. Was sich dahinter verbirgt und wie weit die
Umstellung bei IAV bereits erfolgt ist, beschreibt Bereichsleiter Stefan Schmidt, der das Digital Lab von IAV aufbaute, im automotion-Interview.

Warum wird gerade so viel über „Digital Engineering“ gesprochen?

Stefan Schmidt: Weil die Automobilbranche mit zwei Megatrends konfrontiert ist, die auch großen Einfluss auf ihre Arbeitsweise haben werden: Wir haben es mit einer Vielzahl von Antrieben zu tun, was die Arbeit der Entwickler sehr komplex macht. Außerdem ist der private Besitz von Fahrzeugen vor allem für junge Menschen nicht mehr so wichtig – darum werden Alternativen wie Carsharing oder andere neue Mobilitätskonzepte an Bedeutung gewinnen. Alle in der Branche müssen sich damit auseinandersetzen und neue Ideen jenseits des klassischen Geschäfts entwickeln. Und dafür brauchen wir Digital Engineering.

Was ist beim Digital Engineering anders als bei der klassischen Vorgehensweise?

Schmidt: Das beginnt schon ganz am Anfang der Entwicklung. In einer Design-ThinkingPhase geht es um die Frage: Was genau brauchen die Endkunden? Mit welchem Produkt ist ihnen am besten gedient? Dafür müssen wir verschiedene Disziplinen an einem Ort zusammenbringen und diese gemeinsam an einer Lösung arbeiten lassen. Denn in der neuen Mobilitätswelt muss das Endprodukt nicht mehr unbedingt ein privat genutzter Pkw sein – oft geht es darum, von A nach B zu kommen, wobei das Transportmittel auch ein Shuttle, ein Roller oder eben ein geteiltes Fahrzeug sein kann. Hier spielen auch die veränderten Ansprüche der Menschen in den Bereichsleiter Stefan Schmidt baute das Digital Lab von IAV auf Städten eine Rolle: Sie wollen mehr Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger, während private Pkw eher zurückgedrängt werden. Solche Aspekte müssen wir bedenken, bevor wir eine konkrete Lösung in Angriff nehmen. In unserem Digital Lab haben wir mit dieser Herangehensweise sehr gute Erfahrungen gemacht.

Was ändert sich in den weiteren Entwicklungsphasen?

Schmidt: Auch in ihnen gilt, dass wir über Grenzen hinweg zusammenarbeiten müssen – in diesem Fall über die Grenzen der Domänen hinweg. Gefragt ist agiles, kollaboratives Arbeiten. Heute entwickeln wir meist noch parallel und gleichen die Ergebnisse punktuell an bestimmten Meilensteinen ab. In Zukunft werden die Entwickler über eine Plattform kooperieren, sodass man sofort sehen kann, was eine Änderung an einer Stelle – etwa am Fahrwerk – für die anderen Gewerke bedeutet, zum Beispiel für den Antrieb. Dafür brauchen wir neue IT-Plattformen, an die sich die Entwickler mit ihren domänenspezifischen Werkzeugen andocken können. So können wir Themen wie Internet of Things, Software und Geschäftsmodelle frühzeitig in den Entwicklungsprozess miteinbeziehen.

Wie weit ist IAV auf diesem Weg schon gekommen?

Schmidt: Wir bauen bereits solche Plattformen, um einzelne Domänen miteinander zu vernetzen. Dabei gehen wir agil vor – schließen also die einzelnen Domänen nacheinander an und lernen viel in diesem Prozess. Einen Großteil der benötigten Software-Adapter entwickeln wir selbst. Das ist einer der Gründe, warum Software-Experten derzeit so gesucht sind und sich auch unsere Entwickler stärker mit IT-Themen auseinandersetzen müssen. Wir stehen also nicht nur vor einer technischen Herausforderung, sondern müssen auch unsere Mitarbeiter in das Zeitalter des Digital Engineerings mitnehmen. Das erreichen wir unter anderem durch ein breites Angebot an Schulungen und die Arbeit auf dedizierten Projektflächen, die für die agilen Methoden vorbereitet sind.

Was müssen die Mitarbeiter in Zukunft können?

Schmidt: Sie müssen zum Beispiel mit Kollegen aus anderen Bereichen zusammenarbeiten und deren Bedürfnisse berücksichtigen. Außerdem bringen wir uns in die Ausbildung des Ingenieurnachwuchses ein: Wir diskutieren mit vielen Universitäten, damit die neuen Formen der Zusammenarbeit auch dort schnell Einzug halten. Bei den Professoren rennen wir damit offene Türen ein, denn sie haben selbst ein Interesse daran, ihre Studenten optimal auf die neue Arbeitswelt vorzubereiten.

Das bedeutet, dass IAV in Zukunft ein großes Digital Lab wird?

Schmidt: Auf jeden Fall hat IAV verstanden, dass die Ideen aus dem Digital Lab gute Vorlagen für das gesamte Unternehmen liefern. Derzeit prüfen die einzelnen Bereiche, was sie schnell übernehmen können. Dazu haben wir im Rahmen unserer Strategie IAV 2025+ einen Fahrplan aufgestellt, der in den kommenden Jahren umgesetzt wird. Und damit stehen wir nicht alleine: Alle in der Branche – OEMs, Zulieferer und Dienstleister – beschäftigen sich damit. Denn eines ist klar: Wer sich nicht umstellt, ist raus. Kollaboration macht nicht an Unternehmensgrenzen halt.

Wird das kollaborative Arbeiten auf Plattformen bald in der ganzen Branche praktiziert?

Schmidt: Im Prinzip wird das so sein. Wie stark man im Einzelfall so arbeitet, hängt auch davon ab, wie viel Einblick in das Gesamtsystem beispielsweise ein OEM einem Zulieferer geben will. Wir haben uns auf jeden Fall dafür vorbereitet: Unser Tochterunternehmen CPU 24/7 betreibt hochsichere Rechenzentren, über die wir uns etwa für die Karosserieentwicklung oder Themen des autonomen Fahrens mit unseren Kunden vernetzen können. Wir sind aber auch in der Lage, uns an Plattformen unserer Kunden anzuschließen.

Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch!

Stefan Schmidt, bisher Leiter des Digital Lab von IAV, leitet seit Anfang 2019 das Projektmanagement Office von IAV. Die Leitung des Digital Lab hat mit diesem Zeitpunkt
Matthias Schultalbers, Bereichsleiter Powertrain Mechatronics, übernommen.

IAV ist Partner des Forschungsverbunds Cyber Valley
Seit Anfang 2017 ist IAV Partner des Forschungsverbunds Cyber Valley, einer der größten Forschungskooperationen Europas aus Wissenschaft und Wirtschaft auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Ihr Ziel ist es, den Austausch zwischen anwendungsorientierter Industrieforschung und neugiergetriebener Grundlagenforschung zu fördern.

IAV beteiligt sich wie die anderen Industriepartner auch mit 1,26 Mio Euro am Cyber Valley. Das Geld fließt in einen Forschungsfonds, der wiederum den verschiedenen Forschungsgruppen am MaxPlanck-Institut für Intelligente Systeme und an den Universitäten Stuttgart und Tübingen zugutekommt. Jede Gruppe, jeder Forscher entscheidet dabei frei, welche Projekte sie oder er umsetzen möchte, ob mit oder ohne Industriepartner. Im Rahmen des Forschungsverbunds haben IAV sowie Wissenschaftler der Cyber Valley Forschungsgruppe „Intelligent Control Systems“ am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme (MPI-IS) ein neues Forschungsprojekt gestartet. Initiiert durch den Leiter der Forschungsgruppe, Dr. Sebastian Trimpe, und IAV wurde ein neues Doktorandenprojekt aufgesetzt, für das sie Nachwuchswissenschaftler Alexander von Rohr gewinnen konnten.

Von Rohr und Trimpe forschen gemeinsam mit weiteren IAV-Experten an selbstlernenden Verfahren in der Automobiltechnik und damit an der Schnittstelle zwischen Maschinellem Lernen und Regelungstechnik. Trimpe hat bereits zuvor mit IAV zusammengearbeitet. Er freut sich auf die weitere Zusammenarbeit unter dem Dach des Cyber Valleys. „In unseren Projekten mit IAV können wir eine Brücke schlagen zwischen Wissenschaft und Anwendung“, sagt Trimpe. „Die Zusammenarbeit mit IAV funktioniert hervorragend, weil beide Seiten sowohl grundlegende Forschungsfragen zu lernenden Systemen lösen, als auch die Erkenntnisse auf echte Maschinen umsetzen wollen.“